Die Schützenbruderschaft im 3. Jahrhundert ihres Bestehens
1807 - 1907
Bedeutende Veränderungen im Staatswesen und in den Verhältnissen der hausbesitzenden Bürger leiteten dieses Jahrhundert ein.
Das alte Herzogthum Westfalen, mit welchem zusammen Neheim seit 1369 dem Kurfürstenthum Köln angehört hatte, war im Jahre 1802 an Hessen-Darmstadt gefallen; hessische Truppen unter dem Hauptmann Marchand hatten am 11. September 1802 von Neheim Besitz ergriffen. Im Jahre 1816 gelangte Neheim mit dem Herzogtum Westfalen an die Krone Preußen.
In den kriegerischen Zeiten, welche seit Beginn der französichen Revolution hereingebrochen waren, wurde Neheim mit Einquartierungen belastet. Das städtische Archiv berichtet insbesondere:
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Der große Brand von 1807 hatte ganz Neheim in Asche gelegt. Der von der hessischen Regierung entworfene und durchgeführte Bebauungsplan sah anstatt der alten eng aneinandergedrängten Häuser breite und langgestreckte Straßen mit offener Bebauung vor, die heute als
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Die alte Burg, die seit den Tagen der Arnsberger Grafen den festungsmäßigen Stützpunkt gebildet hatte, wurde im Jahre 1808 weggebrochen.
Nach dem großen Brande herrschten traurige wirtschaftliche Zustände. Die Hausbesitzer, besonders also die Schützenbrüder, waren verarmt. Erst mit Einführung der Industrie in den 1830er Jahren fingen die Verhältnisse an sich zu bessern. Durch Allerhöchste Kabinetsordre vom 3. Dezember 1849 verliehen Seine Königliche Majestät der hiesigen Schützenbruderschaft die .
Am 6. Juni 1857 feierte die Schützen-Bruderschaft das Fest ihres 250 jährigen Bestehens. Die Beschreibung des Festes kann nicht besser wiedergegeben werden, als durch die Worte des Protokollbuches. Unmittelbar nach dem Feste geschrieben bieten sie ein frisches Bild, wie sich das Fest abgespielt hat. Sie sind aber besonders deshalb von bleibendem Wert , weil in ihnen manche Tradition aus älterer Zeit, die sonst erloschen sein würde, dauernd festgelegt ist.
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Die Feier des 250 jährigen Jubiläums der Schützen-Bruderschaft zu Neheim am 6. Juni 1857. Nachmittags gegen 4 Uhr versammelten sich die Herren Schützenbrüder vor dem Rathhause, wo dann die Fahne abgeholt und in schönster Ordnung der Vogel nach herkömmlichem Gebrauche auf die Stange aufgesetzt wurde. In Ordnung wurde wieder zum Rathhause marschiert und sämtliche Schützenbrüder auf den Rathhaussaal eingeladen, wonach freundlichst Folge geleistet wurde. Nachdem daselbst Platz genommen, trat der Hauptmann vor und hielt folgende kurze Anrede:
Die ganze Bruderschaft war hiermit einverstanden. Herr Bürgermeister Dinslage, welcher bei dieser Feier zugegegn war, war hierüber sichtbar gerührt, hielt vor versammelter Bruderschaft eine kurze auf die Feier des Tages bezügliche Anrede, dankte und nahm diese Ehrenbezeugung mit dem größten Danke an. Hierauf führte der Scheffen H. Lohage 10 weißgekleidete Schulkinder in den Saal vor den Vorstand, welche dem Hauptmann eine von dem Schützenvorstand zur Feier des Jubiläums der Bruderschaft geschenkte Medaille mit Inschrift gewidmet von den Vorstandsmitgliedern, Namenschriften derselben sowie der Herren Fahnenoffiziere überreichten. Die Kinder sangen abwechselnd vor dem Vorstand und Bruderschaft auf das Fest eigens gemachte Lieder, worauf, nachdem dieses geschehen, jeder Schützenbruder ein Exemplar zum Andenken erhielt. Der Tag verging unter munteren und heiteren Scherzen und Gesprächen. Am Schlusse des Festtages wurde von dem regierenden Scheffen Herrn Lohage Folgendes vorgetragen:
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Die Schützen-Bruderschaft, auf das engste mit der Stadt Neheim verknüpft, hatte von jeher das unbestrittene Recht, das städtische Rathaus zu allen ihren Zusammenkünften und Festen zu benutzen. Sie machte ständig von diesem Rechte Gebrauch und den älteren Schützenbrüdern steht noich frisch in Erinnerung, in welchem patriarchalischen bürgerlichen Zusammenschluß das jährliche Schützenfest in den Rathausräumen gefeiert wurde. Die Vergrößerung der städtischen Verwaltung, wie die für die ausgedehnte Bruderschaft zu eng gewordenen Räume ließen aber endlich das alte Herkommen nicht mehr durchführbar erscheinen. Es kam daher nach längeren Verhandlungen am 16. August 1883 folgender Vertrag zu Stande:
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Zwischen dem Magistrat der Stadt Neheim und dem Vorstande der mit Corporationsrechten versehenen Schützenbruderschaft daselbst wurde folgender Vertrag abgeschlossen: Der Magistrat: Dinslage Jaeger Th. Cosack H. Wetzchewald Frieling Der Schützenbruderschafts-Vorstand: Fr. Burgard, Schützenhauptmann Kampschulte, Scheffen Wortmann, Scheffen Binhold, Fähnrich Zu dem vorstehenden Vertrage und zu der Auflassung des darin bezeichneten Grundstückes Flur I Nr. 374/158 wird rücksichtlich der Stadt Neheim die Genehmigung mit der Erläuterung ertheilt, daß das vorbezeichnete Grundstück in der Steuer-Gemeinde Neheim gelegen ist. ( L. S. ) Königliche Regierung, Abtheilung des Innern. v. Rosen Keßler Westphal |
Auf dem erworbenen Grundstücke erbaute die Schützenbruderschaft im Jahre 1884 ihr neues Heim: die Schützenhalle. Dort werden alle Geschäfte der Bruderschaft, nämlich:
- Beschlußfassungen,
- Aufnahmen neuer Mitglieder,
- Rechnungslegungen
vorgenommen, dort finden die Zusammenkünfte, besonders das jährliche Schützenfest statt.
Hauptmann der Neheimer Bruderschaft ist seit dem 3. Mai 1883 der Stadtrentmeister Franz Burgard, dessen baldige größere Amtshandlungen die Loslösung der Bruderschaft aus dem zu eng gewordenen Rathause und der Bau der Schützenhalle waren. Die Gesamtbürgerschaft ist für die Schaffung dieses Baues zum Dank verpflichtet, weil die Halle, obzwar (mit Rücksicht auf die verfügbaren Mittel) nur äußerst einfach erbaut, der einzige größere Saalbau in der Stadt Neheim ist, weil der Saal für alle großen Zusammenkünfte und Feste entgegenkommend zur Verfügung gestellt wird und weil dort stets der Geist der Ordnung geherrscht hat. Die ständige Anpassung der Bruderschaft an die gegenwärtige Zeit ist ein weiteres Verdienst des Hauptmanns Burgard. Die Bruderschaft hofft, daß sie am 3. Mai 1908 das 25 jährige Jubiläum ihres Hauptmanns in treuer Einigkeit und Anhänglichkeit begehen wird.
- Dem Hauptmann stehen im Vorstande als Scheffen Franz Gosselke und Franz Stromberg, als Fähnrich Anton Wiese zur Seite.
- Rendant der Bruderschaft ist Theodor Hülsemann.
- Fahnen-Offiziere sind zur Zeit Bernhard Lenze, Josef Rüsewald, August Taprogge, Anton Dame, Theodor Heppelmann und Franz Hövel.
- Als Unteroffiziere fungieren Heinrich Kampschulte und Fritz Brumberg.
- Schützenkönig aus dem Jahre 1906 ist Wilhelm Post.
In früheren Jahren braute die Bruderschaft das erforderliche Bier im Brauhause, welches sich im Erdgeschoß des Rathauses befand, selbst. Dieses hatte jedes Jahr einer der beiden Scheffen zu besorgen. Die Brauerei-Geräte wurden beim Neubau der Schützenhalle durch den Vorstand verkauft. Die ausstehenden Kapitalien wurden eingezogen und zum Neubau der Schützenhalle verwendet.
Die erste Tätigkeit des zeitigen Hauptmannes bestand in Anschaffung einer neuen Fahne, da die alte sehr defekt geworden war. Die Bruderschaft brachte sofort zu diesem Zwecke durch freiwillige Gaben den Betrag von 460 Mk zusammen, wofür solche angefertigt wurde. Ihre weitere Opferwilligkeit hat die Bruderschaft dadurch bestätigt, daß sie bei Ueberschwemmungen und Unglücksfällen namhafte Beträge hergab.
Als Ehrenmitglieder wurden 1897: Pfarrer Dr. Balkenhol (+1906) aufgenommen.
Im Jahre 1892 wurde die Schützenhalle durch Anbau mehrerer Zimmer erweitert. Die Kosten betrugen rund 4000 Mk., welche aus Ersparnissen gedeckt wurden.
In demselben Jahre begann der Neubau der hiesigen katholischen Pfarrkirche. Seitens des Hauptmannes wurden die Schützenbrüder gebeten, ein bleibendes Denkaml für die Bruderschaft durch Stiftung eines Mutter-Gottes-Altars in der Pfarrkirche zu stiften. Die Bruderschaft beschloß einstimmig, diesem Wunsche nachzukommen und brachte die ganzen Kosten des Altars in Höhe von 2500 Mk. durch freiwillige Gaben auf. Dieses Beispiel veranlaßte andere Vereine und Private zu ähnlichen Stiftungen.
Im Jahre 1903 veranlaßte der Hauptmann die Frauen der Schützenbrüder, eine neue Fahne für die Bruderschaft zu stiften. Sofort bildete sich aus den Frauen eine Commission und schon nach einer Woche wurde dem Hauptmann die Summe von 567 Mk. eingehändigt. Die ist von der Mündener Fahnenfabrik geliefert und prächtig ausgefallen. Ein neues Denkmal der Opferwilligkeit der Bruderschaft besteht in der Anschaffung eines weiteren Altars zu Ehren der hl. Barbara für die hiesige Pfarrkirche. Dieser soll als 300 jährige Jubiläumsgabe gelten: er kostet 2000 Mk., ist ganz aus freiwilligen Gaben beschafft und bildet ein Schmuckstück für die Pfarrkirche.
In der Schützenhalle befindet sich ständige Restauration und ist dieselbe seit Jahren an den Kastellan Ferdinand Topp übertragen. Die Restauration ist in guten Händen; Speisen und Getränke sind gut.
Zu der in diesem Jahre stattfindenden Jubelfeier sind über 20 Nachbar-Schützengesellschaften und über 20 hiesige Vereine von der Bruderschaft eingeladen. Mit ganz wenigen Ausnahmen haben sämtliche ihre Teilnahme zugesagt, ein Beweis dafür, daß die Bruderschaft angesehen ist und allseits in bester Freundschaft steht. Auch die hiesigen Behörden haben Einladungen zur Teilnahme erhalten.
Quelle: Festschrift zur 300-Jahr-Feier der Bruderschaft am 26. Mai 1907
