Aus der Chronik der letzten 100 Jahre

Die Schützenbruderschaft, aufs engste mit der Stadt verknüpft, hatte von jeher das unbestrittene Recht, das Rathaus zu allen ihren Zusammenkünften und Festen zu benutzen. Die Vergrößerung der städtischen Verwaltung und das Anwachsen der Mitgliederzahl der Bruderschaft ließen das alte Herkommen mit der Zeit nicht mehr durchführbar erscheinen.

Es kam daher nach längeren Verhandlungen am 16. August 1883 zwischen dem Magistrat und dem Schützenvorstand ein Vertrag zustande, wonach die Bruderschaft auf ihr Mitbenutzungsrecht am Rathaus verzichtete, und die Stadt der Bruderschaft dafür 3.000 Mark und ein 12Ar (=1200m²) großes Grundstück als lasten- und schuldenfreies Eigentum überwies. Den Rest der Parzelle in Größe von 12Ar 5qm (=1205m²) verkaufte die Stadt der Bruderschaft als schulden-und lastenfreies Eigentum gegen Zahlung von 15 Mark pro Ar (=180,75 Mark). Auf diesem Grundstück errichtete die Schützenbruderschaft ihr neues Heim: die Schützenhalle.

Bis zum Bau der Schützenhalle braute die Bruderschaft ihr Bier selbst. Dies besorgten im jährlichen Wechsel die beiden Scheffen. Zum Bierbrauen mußten früher die neu angenommenen Schützenbrüder zehn Jahre lang eine festgesetzte Menge Gerste "in Natura" abliefern.
So erklärt sich, daß man häufig in den Protokollbüchern von Schützen liest, "die noch in der Gerste sind". Während des Neubaus der Schützenhalle wurden die Braugeräte verkauft.
Die Naturallieferungen waren schon seit mehreren Jahren in Geldbeträge umgewandelt worden; nach dem 2. Weltkrieg sind auch diese weggefallen.

Ihre enge Verbundenheit mit der Kirche ließ es eine ehrenvolle Aufgabe für die Bruderschaft sein, durch Stiftungen und Spenden an der würdigen Ausgestaltung ihres Gotteshauses mitzuwirken. So stiftete die Bruderschaft für die 1893 erbaute neue Neheimer Pfarrkirche den Muttergottesaltar ( Kostenpunkt 2.500 Mark) und zur 300-Jahr-Feier (1907) der Mutterkirche einen Chormantel mit Segensvelum.

Auch an den großen Aktionen der Schützenverbände beteiligte sich die Bruderschaft.
So unterstützte sie mit einer namhaften Summe die Sammlung für den Bau der Diasporakirche St. Sebastian in Michelstadt (Odenwald) sowie die Aktionen "Die Welt braucht Priester" und "Kinder in Not".

Tageskarte Jubelfeier 1907Bei der 300-Jahr-Feier am 26. Mai 1907 wurde in einem historischen Festzug die Entwicklung des Schützenwesens gezeigt. Der von Kaiser Wilhelm II. verliehene goldene Schützenadler und die sogenannte kleine Königskette, eine Ehrengabe der Stadt, erinnern an die Jubelfeier.

Geruhsam gingen die Jahre vor dem 1. Weltkrieg dahin. So sicher wie der Kalender ergab sich der jährliche Vereinsablauf mit Versammlungen und Fest, das stets am Sonntag nach Pfingsten, dem "Fest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit", stattfand. Dieser Termin wurde übrigens bis 1939 beibehalten.

Volkshalle Neheim

Es kam der 1. Weltkrieg, der auch in die Reihen der Neheimer Bruderschaft schmerzliche Lücken riss. In dieser Zeit konnte die Halle, da die Vermögenslage der hiesigen Bruderschaft sehr schlecht war, nicht mehr gehalten werden. Sie ging im Wege der Zwangsversteigerung in andere Hände über (1919 an Kaspar Post, später bekannt als "Post's Käppe"; langjähriger Inhaber des "Deutschen Hauses" in der Apothekerstraße.). Dennoch konnten die Feiern bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges dort stattfinden. 1943 wurde die mittlerweile in "Volkshalle" umbenannte Halle ein Opfer der Möhneseekatastrophe.


Vorstand 1925

Die ersten Feste nach dem 1. Weltkrieg wurden als Volksfeste mit der gesamten Bevölkerung gefeiert und fanden guten Anklang. Ab 1924 wurde jedoch wieder in "althergebrachter Weise" gefeiert, also "nur mit Frauen" und "wieder mit Freibier".
Trotz der schwierigen Wirtschaftslage und der allgemein großen Arbeitslosigkeit fand auch 1932 nach langen Besprechungen und Überlegungen ein Fest statt, "jedoch ohne Vogelschießen, ohne Festzug sowie ohne Zapfenstreich und Weckruf".

Die seit 1933 mit der sogenannten Machtergreifung durch den Nationalsozialismus erlebten Eingriffe des "Staates" in das Bruderschaftsleben bedeuteten Zeiten schwerster Krisen und seelischer Belastung. Nach der 1934 erfolgten Gleichschaltung (d.h. 51% des Vorstandes mußten Mitglieder der NSDAP sein) erfolgte 1937 die zwangsweise Eingliederung in den "Reichsbund für Leibesübungen", dessen Fahne und Statuten auch übernommen werden mußten.
Der 2. Weltkrieg legte schließlich die ganze Vereinsarbeit lahm.

Die Kriegs- und Nachkriegsjahre waren für die Bruderschaft harte und schwere Jahre. Sobald die Verhältnisse nach dem Krieg es gestatteten, erstarkte die Bruderschaft zu Größe und Aktivität. Manches, was den neuzeitlichen Anforderungen nicht mehr gerecht wurde, ist allerdings der Gegenwart angepaßt worden.
So konnten früher nur Besitzer einer "Sohlstätte" sowie deren ältester Sohn und, dem Charakter als kirchliche Bruderschaft entsprechend, nur Katholiken Mitglieder werden. Die erste Bestimmung hat lange Geltung gehabt, obwohl sie längst ihre Bedeutung verloren hatte. Sie läßt sich nur aus der Gründungszeit erklären, da ausschließlich die freien Bürger das Recht hatten, Waffen zu tragen.

Heute kann jede christliche Person, wie es in den Statuten der Bruderschaft heißt und wie es sich im Laufe der Zeit historisch von selbst entwickelt hat, Mitglied werden. Eine andere eigenartige Sitte, die sich recht lange erhalten hat, gestattete keinem Mädchen die Teilnahme am Fest.
Nur Frauen waren zur Feststätte und zum Tanz zugelassen. Ein im Jahre 1890 und ein zweites Mal im Jahre 1924 gestellter Antrag, den Mädchen - wenigstens den Schützentöchtern - die Teilnahme am Fest und Tanz zu erlauben, fand keine Annahme. Erst seit 1948 gibt es eine Königin und einen Hofstaat.

Während man früher nur vom Schützenbruder sprach, spricht man heute gern von der Schützenfamilie. Denn Frauen, Jugendliche und Kinder sind inzwischen voll integriert. Die Aufhebung der erwähnten einengenden Bestimmungen hat dazu geführt, daß das Neheimer Schützenfest sich zu einem wirklichen Volksfest entwickelte, das alle Bevölkerungsschichten zu fröhlichem Tun vereint.
Dieses Volksfest wird seit 1975 im Wechsel mit dem Neheimer Jägerverein gefeiert.

Zur Erreichung ihrer Ziele hat sich die Bruderschaft nach dem 2. Weltkrieg dem "Sauerländer Schützenbund" und dem "Zentralverband der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften" (seit 1967: "Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften") angeschlossen.

Vorstand 1957

Ein Markstein in der Geschichte der Bruderschaft war die Feier ihres 350jährigen Bestehens im August 1957. Aus Anlaß dieses Jubiläumsfand in Neheim-Hüsten der 1. Diözesanschützentag der Erzdiözese Paderborn statt. 

Königsproklamation im Jubiläumsjahr 1957: Oberst Heimann (l.) bringt auf den alten König Willi Post (2.v.l.) und den neuen König Hans Krause (2.v.r.), sowie den Jubelönig (vor 50 Jahren) Franz Beckschäfer ein kräftige Horrido aus. Das Königspaar Krause wirkte übrigens 50 Jahre später auf der 400-Jahrfeier ebenfalls mit.Neheimer Bürger bei der Königsproklamation 1957

Seine besondere Bedeutung lag darin, daß sich hier zum erstenmal die beiden großen Schützenverbände, der "Zentralverband der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften" und der "Sauerländer Schützenbund", zur Ausrichtung auf die gemeinsame Zielsetzung ihres Leitwortes "Glaube, Sitte, Heimat" fanden.
Die Bedeutung diese Treffens unterstrich die Teilnahme des Paderborner Erzbischofs Dr. Lorenz Jaeger und des damaligen Weihbischofs Dr. Franz Hengsbach.

Die Tage waren Ausdruck der geistigen Geschlossenheit und Einheit des gesamten Schützenwesens innerhalb des Paderborner Bistums und gaben allen, die an den Veranstaltungen teilnahmen, neue Anregungen für das Leben in ihren Bruderschaften und Vereinen.
Erzbischof Lorenz Jaeger war seit diesem Schützentreffen Ehrenvorstandsmitglied der Neheimer Bruderschaft.

Um das Leben in der Bruderschaft kraftvoller zu gestalten, wurde 1958/59 die Pflege des Schießsports wieder in das Programm aufgenommen. Die Bemühungen um ein eigenes Heim und die Erstellung eines eigenen Schießstandes führten schließlich zum Erfolg. Ende 1966 war das Heim fertig.
Die Fertigstellung des Schießstandes erforderte jedoch noch viele freiwillige Arbeitsstunden. Da alle Landesmittel gesperrt waren, mußte ein großer Teil der Sportanlage in Eigenarbeit erstellt werden. Nach Abnahme durch einen Schießsachverständigen des Landes erfolgte dann am 3. Juni 1970 die Inbetriebnahme der Schießsportanlage.

Um am sportlichen Schießen teilnehmen zu können und um in den Genuß der Sportförderungsmittel zu kommen, war die Bruderschaft mit der Schießsportgruppe bereits 1968 Mitglied des "Westfälischen Schützenbundes" geworden. Er ist der einzige vom Land anerkannte Fachverband für sportliches Schießen.

Als Auszeichung für die in über 100jährigem Wirken erworbenen besonderen Verdienste um die Pflege und Entwicklung des Schießsports verlieh Bundespräsident Richard von Weizsäcker der Bruderschaft am 1. Dezember 1986 die "Sportplakette des Bundespräsidenten".
Plakette und Urkunde wurden in einer Feierstunde am 17. Januar 1987 vom Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Herrn Werner Schwiers, in Lemgo überreicht.

Das Schützen- und Keglerzentrum im Jahr 1974

Häufige Einbrüche in das Schützenheim sowie eine Brandlegung Anfang 1973, die einen großen Schaden verursachte, erforderten die Errichtung einer dem Schützenheim angegliederten Wohnung. Um die notwendige Wirtschaftlichkeit der Anlage sicherzustellen wurden in Gesprächen mit der Stadt andere Lösungsmöglichkeiten überlegt.
Mit Hilfe der Stadt kam es zum Bau des "Schützen- und Keglerzentrums". Anfang Mai 1974 konnte das Gebäude bezogen und die Anlagen in Betrieb genommen werden.

Beim 10. Bundeskönigsschießen des "Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften" 1962 in Werl errang der Schützenbruder Willi Beckmann die Würde des Bundeskönigs. Er ist bisher der einzige Bundeskönig aus der Erzdiözese Paderborn.
Seine Frau Helga (+ 1977) stellte als Bundeskönigin dem Gesamtverband eine neue Aufgabe, indem sie 1963 in Bad Godesberg die Aktion "Die Welt braucht Priester" proklamierte.

Am 16. Mai 1971 fand in Neheim-Hüsten der 16. Bundesköniginnentag statt. Dieser Tag, der jährlich begangen wird, soll herausstellen, welchen Anteil die Frau an dem Streben nach Verwirklichung der Schützenideale nimmt. 1971 stand der Tag unter dem aktuellen Leitgedanken "Bruderschaften auf dem Weg zu familiärer Vereinigung".

Das für Neheim besondere Brauchtum - Schnadegang und Osterfeuer - bewahrte die Bruderschaft vor dem Verfall und gab den Bräuchen eine zeitgemäßen Sinn.

Stets hat sich die Bruderschaft den Problemen der Zeit gestellt. So hat sie auch deutliche Zeichen gegen Ausländerhaß und Fremdenfeindlichkeit gesetzt. Sie möchte auch in der Zukunft mit ihren Festen nicht nur Freude in die Umwelt tragen, sondern alte und junge Menschen, Einheimische, Aussiedler und Ausländer zusammenführen und allen das Gefühl der Zusammengehörigkeit geben.

Seit der Feier des 375jährigen Bestehens der Bruderschaft (1982) ist Erzbischof Dr. Johannes Joachim Degenhardt Ehrenvorstandsmitglied der Bruderschaft. Seine Worte sollen richtungweisend für die weitere Arbeit der Bruderschaft sein:
"Schützen müssen Männer sein, wie sie unsere Zeit so dringend benötigt: Entschlossen im Handeln, bereit zum Einsatz für das Gute und unerschrocken im Kampf gegen das Verderbliche und Zersetzende. Sie müssen eintreten für die Würde des Menschen, für die christlichen Grundwerte und für Volk, Heimat und Vaterland".

{gez. Theo Schröder }
 
Schützenbruderschaft St. Johannes Baptist Neheim 1607 e.V.